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Fokus: Themenführungen

Immer wieder neue Geschichten

Das grösste Sammlungswerk des Kunstmuseum Thun ist das Thun-Panorama im Schadaupark. Kunsthistorikerin Gabi Moshammer findet darin immer wieder neue Geschichten für Themenführungen. Was hat sie sich als Letztes herausgeguckt?

Der Basler Künstler Marquard Wocher hat in seinem 1809– 1814 entstandenen Rundbild viele Themen des alltäglichen Lebens eingefangen. Wir sehen Kinder spielen, Frauen, die sich um diese kümmern, Männer beim Gespräch in den Gassen, Geschäfte in dunklen Ecken und auf offenen Plätzen und wunderschöne Momentaufnahmen von Thun und dem Berner Oberland.

Jahr 1814 genau aus? War der Kinderalltag nur Spielen? Welchen Stellenwert hatten Frauen und Kinder in der Gesellschaft? Und was hiess es damals überhaupt, Kind zu sein? Auch wenn Marquard Wocher in seinem Rundbild viele Menschen unterschiedlichen Standes präsentiert, schweigt das Bild doch im Detail darüber, wie das tägliche Leben wirklich ausgesehen hat. In meinen Themenführungen «Zuerst die Arbeit, dann das Spiel – Kinderleben im 19. Jahrhundert» und «Putzen und Flanieren – Frauenalltag» gehe ich offenen Fragen, die sich aus dem Rundbild ergeben,
nach und erzähle, was hinter den Vorhängen der dargestellten Fenster der übliche Gang war. Wie sah es zum Beispiel mit Heizung und Beleuchtung aus?

Ein anderes Thema, das für mich auf der Hand liegt, ist der Fremdenverkehr. Wocher zeigte das Rundbild von Thun in einem eigens dafür geschaffenen Gebäude auf seinem Grundstück in Basel. Das schmucke Städtchen am Tor zum Berner Oberland hat es ihm so sehr angetan, dass er es anderen schmackhaft machen wollte. Als Basler*in bedurfte es einer langen Reise, um nach Thun zu kommen – mit der Kutsche, ohne Zug und ohne E-Bike.

Was lässt sich am Thun-Panorama über den frühen Tourismus im Berner Oberland ablesen? Berge – Berge – Berge: Nicht von ungefähr legte der Künstler das Augenmerk auf Das grösste Sammlungswerk des Kunstmuseum Thun ist das Thun-Panorama im Schadaupark. Kunsthistorikerin Gabi Moshammer findet darin immer wieder neue Geschichten für Themenführungen. Was hat sie sich als Letztes herausgeguckt? diese umgebende Höhenwelt, überhöhte sie sogar. In den Bann gezogen vom Ausblick auf den Thunersee mit seiner fabelhaften Bergkulisse, gab er die Berge etwas höher, etwas gewaltiger wieder, als sie wirklich sind. Dieser Effekt ist auch in der Sonderausstellung Jenseits des Panoramas erkennbar, die im gläsernen Neubau des Thun-Panorama
zu sehen ist. Dort wird das originale Thun-Panorama von einer Jetztaufnahme überblendet und macht seine Überhöhung sichtbar.

In einer Zeit als das Berner Oberland mehr und mehr als Feriendestination entdeckt wurde, fungierte Wocher als «Promotor» für Thun. Und in dem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie es in der kalten Jahreszeit wohl hier war, als es noch keinen Wintertourismus gab? Wie lebten die Menschen in ihren Häusern, wenn es kalt und dunkel war? «Alpenglühen und Edelweiss – Reiseziel Oberland» nimmt sich unter anderem diesen Fragen an. Die von mir für das Thun-Panorama konzipierten Themenführungen versuchen ein umfassenderes Bild über jede verborgene Geschichte
zu vermitteln. Mit zu diesen Betrachtungen gehört auch immer ein sogenanntes «Leitobjekt», etwas, das in irgendeiner Weise leicht in das Rundbild und das jeweilige Thema eintauchen lässt. Mit diesen unterschiedlichen Fokussen entsteht ein viel feineres, komplexeres Bild, das an Lebendigkeit gewinnt, aber auch zum Nachdenken und Austausch anregen will.

Portrait Gabi Moshammer, Foto: Anna-Lisa Schneeberger